>Gefüge< genannt - brauchen, aber das glaube ich nicht. Wer würde die Gültigkeit eines solchen Dokuments erzwingen?«
»Ja, wer?« echote er.
Sie fand den Projektor und aktivierte ihn.
Sie standen
zwischen den sich schließenden Wänden.
»Ich glaube nicht, daß es klug wäre, ihnen zu zeigen, wo die Erde ist«, sagte Veg.
»Keine Bange. Wenn es eine Sache gibt, die ich nicht tun werde, dann ist es die, ihren Knopf mit zur Erde zu nehmen. Ich werden einen guten Platz dafür finden - irgendwoanders in der Alterkeit.«
»Ja.« Er war unmittelbar hinter ihr, als sie zum nächsten Projektor gingen und dabei vermieden, von den Wänden gefangen zu werden. »Aber was war das mit einem gemeinsamen Feind?«
»Die Funkenwolke. Sie kommen auch nicht damit klar. Die Wolke ist der ultimative Alterkeitswanderer. Aber die Tatsache, daß wir einen gemeinsamen Feind haben, macht uns nicht notwendigerweise zu Verbündeten. Ich bin auf das Stockgehirn nur eingegangen, um uns da rauszubringen. Was es vermutlich wußte.«
»Warum hat es dann nicht.«
»Dieser Signalknopf ist vermutlich unzerstörbar, wenn man nicht gerade mit einer Kernverschmelzung herangeht. Wir wandern durch Alternativgefüge. Der Knopf wird die Maschine schon irgendwohin dirigieren, selbst wenn wir ihn wegwerfen. Und das könnte sich ganz groß auszahlen, wenn wir ihn tatsächlich auf eine ausbeutbare Welt bringen.«
»Wie Paleo?«
Sie umgingen den ausgebrannten Lockprojektor, der stummes Zeugnis dafür ablegte, daß dies dasselbe Ge-
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füge war, das sie schon einmal besucht hatten.
»Wie unsere Erde. Nach meinen Beobachtungen könnten diese Maschinen mit ihrer physischen Kraft und ihrer Stockeinheit vermutlich die Erde verwüsten. Unsere Bevölkerung würde zu einer organischen Nahrungsquelle werden, und unser Terrain würde ihren überschüssigen Einheiten als neuer Lebensraum dienen.«
Veg kratzte sich am Kopf. »Sind wir sicher, daß sie dies tun würden? Vielleicht versuchen sie wirklich.«
»Es ist das, was wir mit ihnen machen würden.«
Er nickte. »Das nehme ich an. Das alte OmnivorenSyndrom. Tu anderen etwas an, bevor sie dir etwas antun. Ihr Agenten wolltet der Erde die Alternativwelten zur Ausbeutung sichern. Jetzt aber, da wir auf robuste Zivilisationen oder was auch immer stoßen.«
»Richtig. Es mag besser sein, die Alternativgrenze völlig zu schließen. Ich werde bei meiner Rückkehr einen umfassenden Bericht abgeben. Es mag sein, daß Ihre Dinosaurierwelten letzten Endes doch gerettet werden.«
»Das ist großartig!« rief er aus und preßte mit seiner großen Hand ihren Arm. Er war so stark, daß sie Unbehagen empfand, obgleich ihr kein normaler Mann etwas anhaben konnte. »Selbst wenn es für das richtige Paleo zu spät ist.«
»Es wird zahllose Alternativpaleos geben - und es ist nicht sicher, daß wir auf Ihrem Paleo alle Dinosaurier eliminiert haben. Sie wissen, daß wir es auf die Manta- sporen abgesehen hatten.«
Er schwieg. Sie wußte, daß ihn die Erinnerung an die Zerstörung der Kreidezeitenklave auf Paleo noch immer quälte, und sie war einer der verantwortlichen Agenten gewesen.
Sie erreichten den Projektor. Er war wieder aufgeladen, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn sie beim
Interviewen des Stockcomputers nicht soviel Zeit verbraucht hätten. Früher oder später würden sie zu schnell in ein Gefüge zurückkehren und nicht in der Lage sein, sich weiterzuprojizieren, auch wenn dies dringend erforderlich sein mochte. Sie würde sich, wenn möglich, darauf vorbereiten müssen. Was würde der beste Weg sein, zwei Stunden lang unter Druck zu überleben? Veg schulen?
Mittlerweile brauchten sie beide eine Erholungspause, und sie konnten nicht sicher sein, daß sie diese auf einer noch nicht erkundeten Welt bekommen würden. Veg hatte im Stock geschlafen, aber er war noch immer müde. Und auch sie befand sich nicht in bester Form.
Sie aktivierte den Projektor.
Sie standen, wie Tamme vorhergesehen hatte, wieder im Wald.
»Ich glaube, diese Örtlichkeit ist sicher«, sagte sie. »Wir werden uns sechs Stunden ausruhen, bevor wir weitermachen.«
»In Ordnung!« stimmte Veg zu. Aber er zögerte.
»Sie werden sich hier nicht entspannen können, wenn ich in Sichtweite bin«, sagte sie zu ihm. »Bevor ich Sie also zwingen oder niederschlagen muß.«
»Hm, ja! Ich werde mich neben dem anderen Projektor hinlegen. Auf diese Weise können wir auch beide Orte bewachen.«
Nickend bekräftigte sie ihr Einverständnis. Angesichts seiner großen Begierde nach ihrem Körper war seine Disziplin bemerkenswert, wenn auch etwas sinnlos. Er hatte sich mit der Frau Aquilon eingelassen, ohne Befriedigung zu erlangen, so daß er jetzt doppelt vorsichtig war. Er wollte mehr als das rein Physische, und in der Hoffnung darauf war er bereit, gegen alle Chancen anzugehen. Unglücklicherweise für ihn standen die Chancen sehr schlecht - vielleicht tausend zu eins ge- gen ihn. In der Wurzel war sie menschlich, konnte sich also theoretisch verlieben. Aber Agenten waren gründlich gegen irrelevante Gefühle konditioniert und besaßen praktisch kein Unterbewußtsein mit all seinen dunklen Strömungen und Leidenschaften.
Es wäre besser für ihn, diese Realität anzuerkennen und in dem Bewußtsein, daß es keine tiefere Bindung geben würde, dem vorübergehenden Verlangen nach ihr nachzugeben. Das würde seine Anspannung herabsetzen und diese Tour durch die Alternativen einfach machen. Aber sie hatte doch genug Respekt vor ihm bekommen, um es ihn auf seine Weise machen zu lassen. Seine menschliche Unberechenbarkeit und Neugier hatten bereits mehrere vorteilhafte Wege aufgezeigt, so wie etwa die Hexaflexagon-Parallele, und mochten es abermals tun. Sie waren ein gutes Team: disziplinierte Agentin, wandlungsfähiger Normaler.
Wenn seine Unentschlossenheit zu einer Gefahr für ihre Mission wurde, würde sie etwas dagegen tun müssen. Das konnte bedeuten, ihn direkt zu verführen oder ihn auf einer sicheren Alternativwelt zurückzulassen. Keins von beidem würde ihn befriedigen, und das machte alles so unglücklich.
Vielleicht würde sie ihn täuschen müssen, indem sie vorgab, ihn zu lieben. Sie konnte das tun, wenn sie es ernsthaft versuchte. Aber sie wollte es nicht. »Vielleicht werde ich zu wählerisch, wie er«, murmelte sie. »Entweder richtig oder gar nicht.«
Jetzt brauchte sie Ruhe. Sie schlief ein. Sie traten aus dem Wald in einen Wald. Biegsame grüne Pflanzen wuchsen auf einem sanften Hügel aus schwarzer Erde. Als Bäume waren sie klein, als Gemüsestauden jedoch groß. In jedem Fall jedoch eigenartig.
»Kein Probleme hier«, sagte Veg heiter. »Bloß Gemüse; paßt zu mir.«
»Schwierigkeiten genug«, murmelte Tamme.
»Ich weiß. Sie wünschen sich, daß ich Sie aufs Kreuz lege oder vergesse. Oder beides. Und ich nehme an, auf Ihre Weise gibt das auch Sinn. Mein Sinn steht jedoch nicht danach.«
Gut. Er war sich über die Situation im klaren.
»Diese Pflanzen sind seltsam.«
Er ging auf die nächste zu und hockte sich daneben nieder. »Ich habe schon früher seltsame Pflanzen gesehen. Sie alle. he!«
Tamme hatte es auch gesehen. »Sie hat sich bewegt.«
»Sie hat dicke Blätter und Tentakel. Und irgendwas, das wie Muskeln aussieht.«
Tamme studierte die Pflanzenansammlung. »Wir sollten besser schnellstens den Projektor finden. Die Pflanzen entwurzeln sich selbst.«
So war es. Überall im Umkreis der beiden Eindringlinge wanden sich die Pflanzen und zogen ihre Stengel aus dem Erdboden.
»Ich bin dabei!« rief Veg. »Als nächstes werden sie Geige spielen. auf unseren Knochen.«
Zusammen rannten sie den Abhang hinauf und hielten dabei nach dem Projektor Ausschau. So kamen sie aus der Region der wandernden Pflanzen heraus und erreichten eine, wo das Blätterwerk noch nicht aufmerksam geworden war. Aber auch die neuen Pflanzen reagierten auf die fremde Anwesenheit in gleicher Weise.
»Sie können sich nicht schnell bewegen, aber es gibt sehr viele von ihnen«, sagte Tamme. »Sie bewaffnen sich besser mit einem Stock oder Knüppel, wenn Sie einen finden können.«
»Ja.« Veg rannte zu einem Stecken hinüber, der auf dem Boden lag. »He!« Es war kein toter Stock, sondern eine lebendige Wurzel. Das Ding wand sich in seinen Händen wie eine Schlange und schüttelte ihn ab.
Unterdessen steigerten die anderen Pflanzen ihre Geschwindigkeit. Sie näherten sich jetzt mit beachtlicher Lebhaftigkeit, wobei sich ihre dicken, runden Wurzeln über den Boden schlängelten und nach Halt suchend eingruben.
»Hier ist eine Waffe«, sagte Tamme und zog einen meterlangen Metallstab aus ihrer Kleidung.
Veg legte eine Pause ein, um sie anzustarrren. »Wo hatten Sie denn den versteckt? Ich habe diese Sachen angehabt! Es war kein Stock drin.«
»Er läßt sich zusammenschieben«, erklärte sie. »Seien Sie vorsichtig - er ist gleichzeitig ein Schwert. Er wiegt nur ein paar Gramm, aber er besitzt eine scharfe Spitze und eine ebensolche Schneide. Verletzen Sie sich nicht.«
»Schneide? Wo?« Er betrachtete die stumpf erscheinende Seite.
»An der Stirnseite ist ein unsichtbar dünner Draht angebracht. Er schneidet fast alles und fast ohne Druckeinwirkung. Glauben Sie es mir und reiben Sie nicht mit dem Daumen darüber.«
Veg nahm die Klinge und hielt sie argwöhnisch vor sich. Offensichtlich hatte er eine solche Waffe noch nie benutzt, aber sie hatte jetzt keine Zeit, ihn zu trainieren. »Tun Sie einfach das, was sich von selbst ergibt. Stechen und hacken. Sie werden schnell ein Gefühl dafür kriegen.«
Er machte einen Schritt nach vorne und hieb nach einem Zweig der nächsten Pflanze. Das Schwert glitt glatt hindurch, wobei die breite Seite den Schratt aufklaffen ließ, den der Draht hervorgerufen hatte.
»Aha, es funktioniert!«
Tamme überließ es ihm, die Pflanzen abzuwehren, während sie nach dem Projektor suchte. Sie hoffte, daß es einen gab. Sie gingen stets das Risiko ein, in einer Sackgasse zu landen, einem Gefüge, wo der Originalprojektor zerstört oder nicht erreichbar war.
Die wandernden Pflanzen schienen kaum Schmerz zu empfinden, aber nachdem Veg eine ganze Reihe von Zweigen und Stengeln abgehackt hatte, begriffen sie die Spielregeln und zogen sich zurück. Veg konnte einen Weg bahnen, wo auch immer Tamme hingehen wollte. Sie wußte, es machte ihm Spaß. Obgleich er kein tierisches Leben töten würde, um es zu verzehren, würde er angreifendes Gemüse töten.
Dann tauchte etwas anderes auf. Keine Pflanze; es war entfernt humanoid, aber doch ziemlich fremd. Es besaß Gliedmaßen, an deren Ende Scheiben saßen, und einen Kopf, der an einen Klecks in einem Rorschachtest erinnerte. Es stieß einen dünnen, durchdringenden Ton aus.
»Ist das Maschine, Pflanze oder Pilz?« fragte Veg.
»Eine Mixtur«, antwortete sie angespannt. »Feindselig.«
»Ich werde es fernhalten«, sagte Veg. »Suchen Sie den Projektor.«
»Nein, das Ding ist gefährlich. Ich werde es mir vornehmen.«
»Vielen Dank«, sagte Veg säuerlich. Aber er trat zur Seite, um ihr die Verteidigung zu überlassen, während er sich auf die Suche machte.
Fremde waren schlecht zu lesen, aber aus diesem Ding schien die Bösartigkeit förmlich herauszustrahlen. Offensichtlich erkannte es ihre generelle Art und beabsichtigte, sie zu vernichten. Hatte ein menschlicher Agent anläßlich eines früheren Besuchs etwas getan, was gerechtfertigte Antipathie hervorgerufen hatte, oder war die Kreatur ein Hasser aller Fremden? Oder konnte es der Farmer sein, der die von ihnen verstümmelten Pflanzen anbaute? In diesem Fall war seine Handlungsweise mehr die eines Mannes mit einer Dose Insektenspray. Es spielte jetzt kaum eine Rolle. Sie mußte damit fertig werden.
Die Kreatur kam näher und griff plötzlich an, mit den Handrädern zuerst. Sie drehten sich wie kleine Kreissägen, was sie sicherlich auch waren. Tamme sprang zur Seite. Sie wollte ihre Technologie nicht preisgeben, indem sie eine Energiewaffe benutzte. Je länger sie ausweichen konnte, desto mehr würde sie lernen. War die Kreatur intelligent, zivilisiert oder mehr wie ein bösartiger Wachhund? Der Augenschein ließ bisher keine schlüssigen Folgerungen zu.
Die Sägenräder drangen wieder auf sie ein. Diesmal machte sie einen Schritt nach vorne, blockierte die Arme mit ihren eigenen und zwang die Räder zur Seite, während sie die Muskulatur und die Wahrnehmungsorgane des Rumpfes studierte. Die Haut des Wesens war kalt und behaart, wie bei einer Spinne.
In dem Augenblick, in dem ihr Gesicht ganz nah war, tat sich eine Öffnung auf und versprühte einen feinen Nebel. Überrascht zog sie ihr Gesicht nicht mehr rechtzeitig zurück. Es war Säure, und diese verbrannte ihr Haut und Augen und blendete sie.
Sie berührte ihre Hüfte. Ihr Blaster feuerte durch den Rock und badete die Kreatur in Feuer. Deren Körper knisterte, als er in Brand geriet. Der durchdringende Ton brach ab.
»Hallo!« hörte sie Veg rufen.
Sie rannte zu ihm hinüber, wobei sie sich an den Geräuschen orientierte. Sie war so geschult worden, daß sie auch im verletzten Zustand mit sich selbst zurechtkam. Um Hindernissen auszuweichen, wie etwa den großen, wandernden Pflanzen, machte sie sich das Echo ihrer eigenen Schritte zunutze.
»Hier, in einem Haufen von Steinen«, sagte Veg, als sie herankam.
»Ist er aufgeladen?«
»Glaube schon. Ich habe nie ganz durchgeblickt, wie Sie das feststellen konnten.«
»Zeit, es zu lernen.« Während sie sprach, konzentrierte sie sich auf ihr vegetatives Nervensystem und schaltete den Schmerz aus. »Im unteren Teil befindet sich eine kleine Skala mit rot-grünen Markierungen. Sehen Sie sich die an.«
Er beugte sich darüber. »Steht auf Grün.«
»Richtig«, sagte sie, obwohl sie nichts sehen konnte. Das Glühen in ihrem Gesicht ging zurück, als ihre Schmerzblockade zu wirken begann, aber dies war nur ein Teil des Problems. Die Verletzung als solche war noch immer da, aber sie konnte sich die Säure noch nicht abwaschen. »Dann wollen wir jetzt mal sehen, ob Sie ihn aktivieren können.«
»Wie das geht, weiß ich. Man verschiebt dieses Ding hier, diesen kleinen Hebel.«
Sie hörte das Echo seiner Stimme und wußte, daß die sich verschiebenden Wände da waren. Der Übergang war ihnen gelungen.
»Nun wollen wir sehen, ob sie den Weg zum nächsten Projektor finden.«
»He, wie kommt's, daß wir gerade jetzt diese Übungen vornehmen?«
Er unterbrach sich. »He, Ihr Gesicht. Es ist knallrot! Was ist passiert?«
»Dieses Tier-Mineral-Gemüse-Wesen war gleichzeitig auch ein Skunk.«
»Säure!« rief er alarmiert. »Säure im Gesicht! Wir müssen sie abwaschen!«
»Kein Wasser hier. Wir müssen weiter.« »Ihre Augen! Hat es Ihre.«
»Ja. Ich bin blind.«
Sie brauchte keine visuellen Eindrücke, um seinen Schock und seinen Zorn zu registrieren.
»Lieber Gott, Tamme.«
»Ich komme zurecht. Aber es würde helfen, wenn Sie diesen Projektor finden.«
»Kommen Sie!« Er nahm ihre Hand.
»Laufen Sie voraus. Ich kriege schon mit, wo Sie sind.«
»Okay.« Er ließ sie los. Sie bewegten sich die flektierende Passage hinunter.
Er kannte den Weg. Sie erreichten den Projektor.
»Linkshändig - und nicht aktionsbereit«, verkündete er.
Und das nächste Gefüge sollte der Wald sein - sicher, angenehm, mit genug klarem, kalten Wasser in einem nahen Bach. Unerreichbar.
»Irgend jemand muß ihn nach uns benutzt haben«, sagte er. »Ist fast acht Stunden her, seit wir das letzte Mal hier waren.« Dann bemerkte er seinen Irrtum. »Nein, ich denke an die Zeit, die wir geschlafen haben. Wir sind hier erst vor einer Stunde weggegangen. He, ich habe Ihnen nie Ihre Uhr zurückgegeben. Obwohl Sie sie jetzt nicht brauchen, nehme ich an.«
Es war ein bedauernswert naiver Versuch, sie von dem unlösbaren Problem abzulenken.
»Ich bezweifle, daß irgend jemand nach uns hier war«, sagte sie. »Aber wir haben keine Ahnung, wie viele Leute durch dieses Muster wandern. Dies hier ist eine Umkehrung, möglicherweise Teil eines anderen Hexaflexagons mit eigenem Personal.«
»Können wir die Wartezeit nicht abkürzen?« fragte er kläglich. »Die Skala nähert sich dem Grün.«
»Gefährlich. Bei einem mangelhaften Transfer könnten tote Körper herauskommen. Wir wissen es nicht.«
»Wir müssen die Augen säubern. Sie müssen tränen.« Wieder ein Zögern. »Oder weinen Agenten niemals - nicht einmal aus so einem Grund?«
»Meine Augen haben getränt. Zu der Verletzung ist es gleich in den ersten Sekunden gekommen, und danach war es für Wasser vermutlich sowieso zu spät.«
Wäre sie nicht so mit ihrer Flucht beschäftigt gewesen, hätte sie daran schon früher gedacht. Es war ein weiterer Beweis für die Anspannung, unter der sie stand, und für den Verlust ihrer Agentenfähigkeiten, ganz abgesehen vom Verlust ihres Sehvermögens.
»Dauerhaft oder vorübergehend?«
»Vorübergehend, glaube ich. Es handelt sich um eine oberflächliche Verbrennung, die verschleiert.«
»Dann geht es uns ja gut. Wir werden warten, bis es verheilt.«
»Dazu mag die Zeit nicht reichen.«
»Hören Sie auf, so verdammt hart zu sein, und handeln Sie vernünftig! Mit so einem Handicap weiterzumachen, wäre töricht - das wissen Sie ganz genau!«
Sie nickte. »Es war töricht, daß ich in die Säurefalle gelaufen bin. Ich habe verdammt zu viele menschliche Fehler begangen.«
»Jetzt hören Sie sich sogar menschlich an.« Er klang zufrieden. »Wir werden ein paar Stunden warten. Agenten erholen sich schnell.«
»Jedes andere Mädchen würde weinen und hilflos sein«, knurrte er.
Tamme lächelte. »Sogar Miss Hunt?«
»Wer?«
»Deborah Hunt. Ich glaube, Sie standen ihr mal sehr nahe.«
»Sie meinen 'Quilon!« rief er. »Wir benutzen ihren ursprünglichen Namen nie, ebensowenig wie wir den
Ihren benutzen.« Er machte eine Pause. »Wie lautete Ihrer?«
»Ich habe keinen anderen Namen.«
»Ich meine, daß sie ein Mädchen waren, bevor sie eine Agentin wurden. Wer waren Sie? Warum haben Sie es getan?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe keine Erinnerung an meinen zivilen Status oder an meine früheren Missionen als Agent der TA-Serie, weiblich. Nach einem Einsatz wird alles gelöscht. Alle Agenten einer bestimmten Serie müssen ihre Missionen mit völlig identischen physischen und intellektuellen Vorraussetzungen beginnen.«
»Vermissen Sie es nicht manchmal?«
»Vermisse ich was?«
»Eine Frau zu sein.«
»Wie Aquilon Hunt? Kaum.«
»Keine Spitzen gegen sie, ja?« schnappte er.
»Ich gebe zu, daß ich in gewisser Weise neugierig bin, was das für eine Emotion ist, die Sie in dieser Beziehung beherrscht«, sagte sie. »Leidenschaft, Vergnügen, Schmerz, Begierde - das alles verstehe ich. Aber warum halten Sie eine Beziehung zu einer Frau aufrecht, von der Sie wissen, daß sie zu Ihrem besten Freund gehen wird, und vermeiden eine mit mir, die zu keinen weiteren Verwicklungen führen würde?«
Die Frage war rhetorisch: Sie kannte die Antwort. Normalen fehlte die Kontrolle über ihre Gefühle, und darum wurden sie unvernünftig.
»Sie wollen eine Beziehung zwischen Ihnen und mir?« fragte er ungläubig. »Es ist bedeutungslos für mich, sofern meine Mission dadurch nicht beeinträchtigt wird.«
Das stimmte nicht ganz. Sie hatte kein wirkliches gefühlsmäßiges Interesse an ihm, würde aber während ihrer Behinderung etwas Unterhaltung durchaus begrü- ßen. Dieses Gespräch war eine andere Form jener Unterhaltung.
»Das ist der Grund«, sagte er. »Sie sehen es als bedeutungslos an.«
»Es wäre nützlich zu wissen, was sie hat, das ich nicht habe.«
»Bei jeder anderen Frau würde man das Eifersucht nennen. Aber Sie wollen es nur wissen, damit Sie eine effizientere Agentin sein können.«
»Ja.«
Eine weitere Halbwahrheit. Die fortwährende Anspannung einer zu langen Mission ließ den Wunsch nach einer moralischen Stütze in ihr aufkommen. Die zeitweilige Liebe eines Mannes würde dafür sorgen. Es wäre jedoch unklug, ihm das zu sagen. Er würde es falsch verstehen.
»Gut, ich will es Ihnen sagen. 'Quilon ist schön - aber das sind Sie auch. Sie ist klug, aber Sie sind klüger. Als Sexobjekt haben Sie viel mehr zu bieten, da bin ich ganz sicher. Sie hat den Körper, aber sie weiß nicht, wie. Nun, lassen wir das. Worum es geht ist, daß sie einen Mann braucht und daß sie sich engagiert.«
»Einverstanden. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«
Veg schluckte. »Sie engagieren sich nicht. Sie könnten mich in einen Vulkan fallen lassen, wenn es Ihrer Mission hilft. Sie brauchen niemanden - nicht einmal, wenn Sie blind sind.«
»Stimmt. Ich habe das nie bestritten. Ich habe keine solchen Schwächen. Aber welche Stärken hat sie, die.«
»Ich glaube, ich kann mich Ihnen nicht verständlich machen. Ihre Schwächen sind ihre Stärken, so würde Cal es ausdrücken. Ich sage ganz einfach, ich liebe sie, Cal liebt sie und sie liebt uns. Ich würde das ganze Universum zum Teufel gehen lassen, wenn ich ihr damit